

Judith Samen
Judith Samens Fotografien zeigen zeitlos bis altertümlich kostümierte
Personen in Porträtposen, wie wir sie aus der Renaissance- oder Barockmalerei
kennen: auf einem Tisch gefaltete Hände, ins Dreiviertelprofil gewendete
Köpfe usw. Der starre Bildaufbau provoziert einen irritierenden Widerspruch
zu "improvisierten" Kostümen und banalen Attributen, die
den Personen zugeordnet werden: Brote, Kartoffeln, Kohlköpfe stehen
den Figuren zur Seite, als könnten sie etwas über den Charakter
und den Geschmack der Abgebildeten verraten. Die Porträtierten sind
Mutter, Großmutter, Tante, Vater der Künstlerin, ihr Akademielehrer,
sie selbst. Sie werden von Judith Samen wie Typenporträts inszeniert:
Madonna, Hausfrau, Mutter/Kind usw., dabei immer eine betonte Provinz-Ästhetik.
Doch geht ihre Arbeit weit über den Rahmen hinaus. Sie werden in den
Kontext installativer Inszenierungen und performativer Auftritte gestellt.
Skulpturale Ensembles sind Frittenbuden oder Blockhütten. Als Fotografin,
subversive Regisseurin oder Performerin inszeniert Judith Samen anheimelnde
Pilgerstätten, schafft Situationen, in denen sich Betrachter begegnen
und gegenseitig beobachten müssen.
Judith Samens Vorschlag für Kundschaft zur Einrichtung der Imbissbude
"Die Fettecke. Fritten in Witten" soll in Kooperation mit einem
zukünftigen Betreiber nach Plänen der Künstlerin ausgeführt
werden und der ganz traditionellen Funktion leiblicher Versorgung dienen;
mit dem Unterschied allerdings, dass die Nahrungsaufnahme wie ein bedeutsames
Ritual inszeniert sein wird. die Künstlerin hat das gesamte Equipment
wie Stehtische, eine Vitrine, eine Preistafel und Tüten bereits entworfen
und hergestellt. Die Realisierung wartet noch auf den Bau der neuen Bushaltestelle
am Rathausmarkt.
1970 geboren in Gladbeck geboren || lebt und arbeitet in Düsseldorf.
Andrew McNiven
"Witten Apparatus, CinemaScope" im Wittener Rathausturm.
Der Schottische Künstler Andrew McNiven (*1963, lebt in Edinburgh)
hat als erster der zum Projekt "Kundschaft" eingeladenen Künstler
einen konkreten Entwurf vorgelegt. Für den Rathausturm Witten, in dem
er bereits 1995 im Rahmen der Gruppenausstellung »Ferne im Innern«
ausgestellte, hat er eine raumbezogene Arbeit entwickelt, die diesen Ort
als ein energetisches Zentrum der Stadt kenntlich macht. Seine Lichtinstallation
im Inneren der Turmhalle transformiert den Rathausturm in ein Hybrid aus
Leuchtturm und Kino. Durch das Anheben des Fußbodens bis zur Fensterbank
und die Einbringung einer extremem künstlichen Beleuchtung, strömt
das Licht im abendlichen Witten von weither sichtbar nach außen. Alle
Besucher, die sich in dem Raum bewegen, werden außen als Silhouetten
sichtbar, sie bewegen sich auf einer Bühne. Die Umsetzung der Arbeit
erfolgte durch das Leipziger Architekturbüro "quartier vier".
Ihr Entwurf unterstützt durch die Wahl der Materialien, durch die Lösung
des Aufgangs und die Struktur der Beleuchtung den luziden Charakter des
Raumes. McNiven versteht seine Arbeit als Plattform für andere Projekte
und lud deshalb seine Kollegin Arabella Harvey ein, zur Eröffnung eine
Klanginstallation in den Raum einzubringen.
geboren in Edinburgh 1963|| lebt und arbeitet in Edinburgh.
Arabella Harvey
hat für den Wittener Rathausturm eine Klanginstallation entwickelt,
die ab dem 27.10. 2002 zu hören ist. Arabella Harvey hat Tonbandaufnahmen
von Körpergeräuschen, im Wind wehenden Blättern und anderen
alltäglichen Situationen technisch gerade soweit verfremdet, dass sie
ganz entfernt an Bekanntes erinnern, aber doch nicht näher bestimmbar
werden. So kommt eine Wirkung zustande, als würde der Nachhall von
Klangsedimenten vom Raum Besitz ergreifen. Damit erhält auch der Blick
aus den Fenstern des Turmgeschosses etwas seltsam Unwirkliches und Imaginäres.
geboren 1978 || lebt und arbeitet in Edinburgh
Ayse Erkmen
Ayse Erkmen geht auf bestimmte, gefundene Bildstrukturen ein, auf deren
Leere oder Ideologie, die sich hinter diesen Bildern verbergen. Die Schönheit
und die gleichzeitige Vergeblichkeit ihrer Bildfunde führt sie mit
ihren Arbeiten vor Augen. Immer ist die Frage gestellt nach der Verbindung
von Form und Inhalt anhand reeller Beispiele und Bilder, die jeder kennt,
die jeder meint zu verstehen, denen man sogar eine eigene Dynamik und Poesie
zuspricht.
In Berlin etwa hat sie ein Haus auf seiner gesamten straßenseitigen
Fassade mit türkischen Kürzeln beschriftet, Wortfetzen nur, die
ein Spezifikum der türkischen Grammatik demonstrieren. Daß es
sich um türkisch handelt wird sofort klar, aber als Deutscher kann
man den Sinn nicht erschliessen. Allein die Häufung der Sonderzeichen
in der türkischen Sprache gibt den ummißverständlichen Hinweis.
1949 geboren in Istanbul || lebt und arbeitet in Istanbul und Berlin