



Franz Ackermann
Schrille, großformatige Malereien erscheinen wie zerrissene, vielfach
geschichtete Kartographien einer entropisch auseinander driftenden Welt.
Vegetabile Formen, krakenartig sich ausbreitende Fühler schlängeln
ein Dickicht, ein Netzwerk von Verbindungen, sind gleichermaßen schön
und undurchschaubar. Dazwischen brechen architektonische Elemente hervor
als sei dies die Realität in der diese Gebäude bestehen müssen.
Für Bleibe entwirft Franz Ackermann ein 1:1 Modell eines
Doppel-Appartements des KdF-Bads Prora auf Rügen und zeigt hierin seine
Skizzen zu dieser ersten Stätte des Massentourismus.
Richard Billingham
Billinghams farbige Fotoserien zeigen immer die gleichen Personen: ein zwischen
Bier- und Schnapsflaschen, Katzen, kitschigen Stofftierchen und Plüsch
lebendes, fast zahnloses Alkoholikerpaar. Die Wohnung ist bedrückend
eng und vollgestopft, die Toilette schauerlich verdreckt. Szenen zwischen
Gewalt und bemüht anheimelnder Geborgenheit zeigen Existenzen am Abgrund
der bürgerlichen Gesellschaft. Kein Zweifel, daß die Bilder nicht
gestellt sind und die gezeigten Personen hier so Leben. Der Kamerablick
inszeniert gleichermaßen Abscheu gegen die Verwahrlosung eines dem
Suff verfallenen, abgetakelten Paars, wie eine Würde der Personen,
ihre liebenswürdigen Seiten. Der Fotograf scheint hier kein Fremder,
kein Voyeur, sondern eine vertraute Person, die selbst in irgendeiner Form
Teil dieses Milieus ist Billingham ist der Sohn des Paares, der offenbar
mit dem Einverständnis der Eltern deren Lebenssituation ins Bild setzt.
Im Rahmen der Ausstellung Bleibe wird Billingham in einem etwa 45 qm großen
Raum die beschriebenen Bilder zeigen, darüber hinaus wird er ein Video
mit dem Blick aus dem Fenster seines Elternhauses und Landschaftsfotografien
von Stourbridge zeigen.
Christine Borland
Auf einer kleinen Konsole liegen einige Kinderschädel aus Porzellan
mit blauer, dekorativ chinoiser Bemalung: Unter anderem eine Frau im Kimono,
die eine Lotusblüte in Händen hält. Daneben liest man eine
Erläuterung zu "Bone China", einer Porzellan-Rezeptur aus
China, die im 18. Jh. nach England eingeführt wurde und die aus sechs
Teilen Knochenasche, vier Teilen "Cornish Stone" und 3,5 Teilen
Ton besteht. In der Schädeldecke der Kinderköpfe aus Porzellan
entdeckt man Risse. Christine Borland arbeitet mit den Mitteln Destruktion
und Rekonstruktion. Spurensicherung und die Inszenierung zerstörter
Gegenstände gehören zu ihrem Repertoire. Das Verhältnis zwischen
Gewalt, Tod und Ästhetik, zwischen Anatomie, Dingen, Artefakten und
der Identität eines Menschen wird in immer neuen Konstellationen und
Zusammenhängen gezeigt.
Christine Borland wird die Installation Small Objects That Save Live
zeigen.
Shân Edwards
Die Arbeit mit dem Titel Aurora hat Shân Edwards gemeinsam
mit einem Physiker entwickelt. Es handelt sich hierbei um die künstliche
Reproduktion des Nordlicht-Phänomens. Die Arbeit erzeugt eine kontemplative
Stimmung, lädt ein zum zeitlosen, beschaulichen Dahindämmern und
dies obwohl sie sich zugleich in ihrer extremen Konstruiertheit outet: Das
sensible nur kurzzeitig sichtbare Naturphänomen wird zu einem unaufhörlichen
Ereignis. In ihren Inszenierungen fehlt Shân Edwards nie der britische
Humor, der Hang zum Skurrilen.
Edwards wird eine Installation realisieren, die es dem Besucher erlaubt
ungesehen die anderen Besucher zu beobachten.
Olafur Eliasson
Ein aufwendiges, aber filigranes Gerüst und Wasserleitungen, kleine
Pumpen und Schläuche produzieren einen Wasserfall. Eine Batterie von
Propellern erzeugt Wind, auf einem Teerdach entsteht ein prächtig grüner
Rasen: Olafur Eliasson holt die Natur ins Haus. Phänomene, die sonst
nur im Freien stattfinden, spielen sich im Inneren eines Ausstellungsraumes
ab. Eine Eisfläche lädt den Besucher mitten in einer Sommerausstellung
zum betreten ein, an den Fensterscheiben rinnt permanent der Regen herunter,
obwohl draußen die Sonne scheint. Die Inszenierung ist puristisch
und leer, der Museumsraum wird auf unerwartete Weise zurückgebunden,
an das, was nur draußen vor der Stadt erfahrbar wird.
Bleibe zeigt die Skulptur Vortex for Lofoten, einen
ca. 2 m hohen Wasserstrudel.
Mark Formanek
Aus einer rot beleuchteten Nische ist eine sanfte Stimme zu hören,
die dem Eintretenden ganz nah ins Ohr spricht. Sie monologisiert über
Lebensweisheiten, dabei spricht sie uns immer wieder direkt an, so als seien
wir mit ihr intim und so als müßten wir von ihr getröstet
werden, um im Leben einen Sinn zu erkennen. Das freundliche Gelaber, der
vulgärpsychologische Singsang zeichnet ein treffliches Porträt
kläglich dünngestrickter Halbwahrheiten, mit denen wir Lebenssinn
konstituieren. Wir werden süchtig, dem zuzuhören und über
uns selbst zu schmunzeln.
Formanek installiert den Tröster und richtet sein Archiv
der 100 Statements ein.
Gints Gabrans / Monika Ines Pormale
Im Foyer des Moderna Museet Stockholm inszeniert das Heiratsvermittlungsinstitut
Riga Aquaintance Office Fotografien und Texte von heiratswilligen
Letten, die einen Partner im westlichen Ausland suchen. Die aufwendige Präsentation
und das junge Layout inszenieren die Inserate auf ungewohnte Weise
ohnehin am unerwarteten Ort. Hierdurch bleibt unklar, ob es sich um ernstgemeinte
Announcen oder um ein virtuelles künstlerisches Konzept handelt. Die
mit intermedialen Projekten arbeitenden Künstler Gints Gabrans und
Monika Ines Pormale verfolgen jedenfalls hiermit eine Mission: "East/West
exchange and the advancement of common happiness."
Im Rahmen von Bleibe findet das Projekt eine Fortführen
unter dem Label Riga Dating Agency.
Douglas Gordon
Zeit als Gefahr, als Bedrohung, als uneinholbare Komponente unseres Daseins
zu zeigen, ist Douglas Gordons Thema. Seine Filme komprimieren die Zeit
nicht, stopfen sie nicht voll mit Ereignissen, die niemals in der kurzen
Abspielzeit stattfinden könnten, sondern dehnen die Zeit, in dem sie
die Echt-Zeit von Ereignissen inszenieren, perfektionieren und monumentalisieren.
Das, was sich in Erinnerungen stapelt, verkneult und verwischt, wird entfaltet
und erscheint in bedrohlicher Unendlichkeit. In seiner Video-Installation
24 Hours Psycho beispielsweise dehnte Gordon den berühmten
Hitchcock-Film auf die Zeit, die als Realzeit vom Drehbuch vorgegeben wird.
Aus 1 1/2 Stunden Kinofilm wurden 24 Stunden Video-Installation.
Bleibe zeigt die Arbeit Blue.
Katharina Grosse
Katharina Grosses Malerei zeigt großzügige Geste, schreiende
Farbenergien, mit breitem Pinsel und schneller Hand gezogen. Sie schafft
raumumfangende Inszenierungen, die den Betrachter mit Farbe umgeben. Die
Malerei ist extrem dynamisch, voller Power und kontemplativ zugleich.
Grosse wird eine großflächige Wandmalerei realisieren.
Utta Hagen
Eine Wand aus bis unter die Decke übereinander stehenden Gläsern
läßt uns vorsichtiger gehen, den Atem anhalten, der Ausstellungsraum
zwingt uns, zu schweigen und die feinen Reflexe auf dem Kristall zu beachten.
In einem anderen Raum: ein rautenförmiges Feld aus Schüsseln,
in denen offenbar einmal Farbe angerührt wurde und in denen jetzt Wasser
steht. Ein schillerndes Farbspiel und eine reflektierende Oberfläche,
die bei jedem Schritt in leichte Bewegung gerät.
Hagen wird ein 600 x 400 cm großes Feld auf Farbschüsseln installieren.
Alexander Hahn
Als könnte das Auge ohne den Körper durch die Welt gleiten, so
bewegt sich Alexander Hahns Kamera. Als könnten Träume und tiefe
Blicke in Pfützen und schäbige Abbruchhäuser Wände öffnen.
Zeit und Raum erhalten etwas unreales, weil sie ohne ereignishafte Einschnitte,
ohne die Möglichkeit einer Orientierung erfahrbar werden. Die computer-animierten
Videobilder sind auf frei im Raum hängende lockere Tücher projeziert,
die die Unschärfe noch steigern.
Hahn zeigt seine Video-Installation The Invisible Never Happens
zeigen.
David Hardy
Hardy konstruiert die Kunst- und Wunderkammer eines Normaden inmitten der
westlichen Zivilisation. Aus Sperrmüll, Fundgegenständen, Malereien,
Zeichnungen und zusammen geschusterten Objekten baut er für "Bleibe"
den Kosmos eines Freibeuters, Tausendsassers, Erfinders, Chlochards und
Flaneurs.
Jürgen Hartmann
Der S/W-Film zeigt ein Schlafzimmer, das man durch die Spiegelung des Kleiderschranks
erblickt. Rasende Bewegungen werden sichtbar der Schrank geht auf und zu,
Leute kommen herein, ziehen sich an und aus, erkennen aber kann man all
das nur sehr ungenau. Die Raumkonstellation durchschaut man erst mit der
Zeit. Der Titel »Achtung dieser Raum wird in der Zeit vom 19.5.
19.6.1998 elektronisch überwacht« gibt Aufschluß über
das, was hier vor sich ging: der Künstler hat über einen ganzen
Monat hinweg sein eigenes Schlafzimmer durch einen Bewegungsmelder überwacht,
der bei jeder Aktion nur eine Belichtungssekunde filmte, so daß nur
einige groteske Filmminuten zustande kommen.
Hartmann hat für Bleibe einen Kinematographen gefertigt,
in dem er einen Film zum Thema Vergänglichkeit und Ewigkeitsanspruch
zeigt.
Hans-Dirk Hotzel
Das, was an der Grenze des überhaupt Wahrnehmbaren liegt, weil es vergeht
oder sich überhaupt fast ganz der Sichtbarkeit entzieht, interessiert
Hans-Dirk Hotzel in seiner Arbeit. Eigentümlich verschwommene überbelichtete
Fotoprints, aus dem Computer belichtet und manipuliert, lassen eine unscharfe
Welt von eigentümlicher Poesie und Leichtigkeit an uns vorüberziehen
alles ist überblendet und von präziser Schönheit im
Bildausschnitt. Die Bilder erwecken eine Sehnsucht hier weiterzureisen.
Hotzel wird für Bleibe eine Serie von Fotoprints aus der
gleichnamigen Werkreihe zeigen.
Klaus Kehrwald
Auf üppigen, floral barockisierenden Bezugstoffen in schmutziger Herbstfarbigkeit
malt Klaus Kehrwald Ansichten des menschlichen Gehirns. Wissenschaftlich
exakten Studienzeichnungen entsprechend zeigt er verschiedene Perspektiven.
Die Bilder führen eine Ästhetik vor Augen, die man aus miefig
eingerichteten, vollgestopften Wohnzimmern kennt: die Ästhetik des
für die billige Massenproduktion verhunzten Barock, die dem uterinösen
Geborgenheitsbedürfnis ihrer Bewohner entgegenkommen soll, ohne sie
geistig zu fordern. Dieser muffig morbide Wohnzimmerhorror geht mit den
Windungen des gemalten Gehirns eine selbstverständliche Einheit ein,
als hätten die Wege des Denkens etwas mit dieser ins Groteske domestizierten
Pseudonatur des Pflanzenornaments zu tun.
Bleibe wird von Klaus Kehrwald einen Raum zeigen, in dem sowohl
ältere als auch neueste Bilder zu sehen sein werden.
Peter Land
Slapsticks des ewig von der Leiter fallenden Malers oder des auf erbärmliche
Weise stripenden, volltrunkenen und untersetzen Mannes oder eines nackten
beleibten Hünen, der mit einem Cello á la Schwanensee tanzt,
all diese Rollen spielt Peter Land in seinen Videos. Er spielt den gescheiterten
Entertainer, der durch die ewige Reproduktion des immer gleichen jokes zur
tragischen Gestalt wird, den man bitten möchte, doch endlich aufzuhören,
obwohl man zugleich doch hofft, er möge weitermachen.
Land zeigt die Video-Projektion The Cellist
Jörg Lenzlinger / Gerda Steiner
Leuchtend farbige Kristalle wuchern aus Kunstblumen, wachsen permanent weiter
im Verlauf der Ausstellung, werden gezüchtet, um einen eigenen Gestaltkosmos
aus zu formen, führen ein nur teilweise kontrollierbares Eigenleben,
wider den Zwang, den ihnen der Gärtner antut. Die Umgebung bildet eine
abstrakte Malerei zwischen Kartografie und Landschaft, vernetzt und kristallin,
giftig und feindselig und verlockend rhythmisch zugleich.
Lenzlinger/Steiner werden als eine Gemeinschaftsarbeit einen Jungbrunnen
installieren.
Antje Majewski
Realistische Malereien in filmischer Ausschnitthaftigkeit zeigen auf einzelnen
Tafeln ein Gebüsch, eine Geschichte und Details immer wieder aus unterschiedlichen
Perspektiven, als sei hier jemand aus seinem Versteck aufgeschreckt worden.
Aber die Geschichte, um die es geht, wird nicht erzählt. Es werden
nur Vorstellungsräume für mögliche Storys eröffnet.
Wohnt da einer im Wald, hat er etwas Illegales getan? Die Bilder muten dokumentarisch
an, aber sie beweisen nichts, konstruieren eine ungewisse Story, die offen
ist für unsere Projektionen und von der wir doch zu wissen glauben,
daß sie auf irgendeiner tatsächlichen Begebenheit beruht.
Majewski zeigt ihre vierteilige Bilder-Serie Die Streife entdeckt
die selbstgebaute Hütte eines Landstreichers im Wald nahe der Autobahn
Muda Mathis
Eine Wand voller gebrauchter Handtaschen wird inszeniert wie eine Farbfeldmalerei,
das Auffeudeln des Küchenbodens wird zu einem heroischen Akt emanzipatorischer
Befreiung. Erwachsene sind ganz von kindlichen Sehnsüchten und pubertärem
Aufbegehren bestimmt. Bilder aus einer quitschbunten Welt ohne sinngebende
Richtung, aber vielleicht gerade deshalb sofort einleuchtend.
Muda Mathis zeigt in der Ausstellung Bleibe eine neue Fassung der Videoinstallation
"Was ist mit deinem Haar?" In einem Raum stehen drei Liegen über
deren Kopfende je ein Monitor angebracht ist. " Das kleine Bett thematisiert
den Schlaf und das Erwachen ... Das mittlere Bett zeigt ein kreisendes Frauengesicht,
das manifestartig erklärt: bin ich froh, dass Sie nicht radikal sind,
bin ich froh, dass Sie nicht feministisch sind, bin ich froh, dass Sie nicht
homosexuell sind, bin ich froh, dass Sie kurze Beine haben, dass Sie nur
wenig erreichen können etc., wobei kreisende Objekte wie Kaffeetassen,
Fruchttörtchen, Gurkenscheiben oder Weingläser die Atmosphäre
auflockern. Das grosse Bett schließlich ist als Ermunterung zu verstehen.
Wiederum drehen sich Frauen und Männergesichter lustvoll grimassierend
im Kreise, begleitet von einem aufmüpfigen kirmesähnlichen Lied"
(Ester Jung: Liasons sensuelles. In: Muda Mathis. J´aime l´éléctricité.
Ausst. Kat. Kunstmuseum des Kantons Thurgau. 1995. S.70).
Andrew McNiven
Was sagen Uhr und Landkarte aus über unser Hier-und-Jetzt? Die Frage
nach dem Verhältnis des leiblichen Raumempfindens zu den Darstellungsformen
des großen geographischen Raums, wie Landkarte, Satellitenbild, Koordinatenangabe,
Radar usw. ist McNivens Thema. Wie verändert sich das Verhältnis
zur eigenen Biografie, wenn ich weite Reisen antrete, wenn Neil Armstrong
den Mond betritt zur Hauptsendezeit des US-amerikanischen Fernsehens, wenn
sich ein körperlich nicht mehr faßbarer Raum zwischen den Ort,
an dem wir physisch anwesend sind und den Ort, an dem wir uns bewußtseinsmäßig
aufhalten, schiebt. McNiven zeigt, daß die Darstellungsformen des
geographischen Raums einer eigenen Ästhetik unterliegen, daß
sie selbst Bilder sind von unserem Verhältnis zur Welt. Diese Bilder
produzieren ganz eingentümliche Rückkopplungseffekte und loops.
Und wenn wir sie als Bilder ernst nehmen, verschlüsseln sie unser Verhältnis
zum globalen oder auch universalen Raum eher, als daß sie es erhellen.
McNiven wird für Bleibe eine Serie mit großformatigen
Hinterglasmalereien produzieren.
Ueli Michel (†)
Michels Malerei könnte man als abstrakte Farbfeldmalerei bezeichnen.
Vielschichtige Überlagerungen von Farbschichten und eine nicht mehr
entwirrbare Enstehungsgeschichte des jeweiligen Bildes stehen gegen klare
rechteckige Strukturen und Grenzen, regide Ordnungen. Die Geschichtlicheit
des Malprozesses macht sich in den Überlagerungen sofort geltend. Eine
Schnelligkeit im Farbauftrag, der allerdings ohne Gestus beleibt, scheint
die festgelegten Ordnungen sprengen zu wollen. Womöglich aber sind
die Ordnungen auch erst aus dem Malprozeß selbst hervorgegangen, zumindest
scheinen verworfene Zustände vorausgegangen zu sein. Die Frage, wie
sich etwas organisiert und wie aus einem offenen Prozeß eine gültige
Struktur entsteht, die noch etwas von den Spannungen, dem Leben, der Lust
des Machens hinüber rettet, stellt sich in dieser Malerei immer neu.
Dazu entstehen Möbel und Tapeten, Farbkonzepte für Räume,
in denen diese Bilder mit anderen Ordnungen und sozialen Wirklichkeiten
korrespondieren.
"Galegos Bar, zwei großformatige Fotoarbeiten auf einer
wandfüllenden Siebdrucktapete, werden in Bleibe zu sehen
sein.
Novaphorm (Lisa Junghanß, Martin Eder)
Im Outfit von Medikamentenverpackungen und einem Charme zwischen Pharmaindustrie
und Techno präsentiert sich die von Martin Eder und Lisa Junghanß
betriebene virtuelle Marke Novaphorm. Sie bieten mit ihren
Beauty-Aktionen, mit ihrem temporären Clubs und einem Hotel eine Art
Chill out zur Realität. Schönheit, Frische und Helligkeit sind
die prägenden Eindrücke und gut gelaunt auftretende, hipp gestylte
Künstler.
In Bleibe werden sie ihr Geruchslogo verbreiten: ein Geruch
zwischen Pfefferminzbonbon, Heilsalbe und Seife. Konzentrieren wird sich
der Geruch an einer in den typischen Novaphorm-Farben gestrichenen
Wand, an der auch ihr Logo angebracht ist.
Judith Samen
Judith Samens Fotografien zeigen zeitlos-altertümlich kostümierte
Personen in Porträtposen, wie wir sie aus der Renaissancemalerei kennen:
auf dem Tisch ineinander gelegte Hände, die Drehung des Kopfes ins
Dreiviertelprofil usw. Der starre Bildaufbau provoziert einen irritierenden
Widerspruch zu den unzulänglich gebastelten Kostümen und den banalen
Attributen, die den Personen zugeordnet werden: Lebensmittel wie Brote,
Kartoffeln, Kohlköpfe stehen den Figuren zur Seite, als könnten
sie etwas über den Charakter und den Geschmack der Abgebildeten verraten.
Die Abgebildeten sind Mutter, Großmutter, Tante, Vater der Künstlerin,
ihr Akademielehrer, sie selbst. Sie werden von Judith Samen wie Typenporträts
inszeniert: Madonna, Hausfrau, Mutter/Kind usw., dabei immer eine betonte
Provinz-Ästhetik. Ihre Arbeit hört aber nicht mit dem Rahmen auf.
Sie inszeniert sie in bestehenden oder neugegründeten Frittenbuden,
Blockhütten, die zu anheimelnden Pilgerstätten werden, und schafft
Situationen, in denen sich Betrachter begegnen und auch gegenseitig beobachten
müssen.
In Berlin wird Judith Samen eine Fotografie in einem Blockhaus zeigen.
Bojan Sarcevic
Eine Rauminstallation: In einem Altbau verläuft ein Riss von der Decke
die Wand herab. Er ist mit winzigen Papierstückchen zugestopft, ebenso
sämtliche Wandöffnungen von Nägeln, Schlüssellöchern
usf., so als dürfe hier nichts mehr ein- und ausdringen, kein Kontakt
zur Außenwelt stattfinden eine klaustrophobisch-paranoide Situation
entsteht.
Ein Videotape: Man sieht nur die Füße und Beine eines Mannes,
der den Geräuschen und Bildausschnitten nach zu urteilen, in einer
Metallwerkstatt arbeitet. Aus seinen Hosenbeinen tritt Wasser aus, Schuhe
und Hose werden zusehends nasser, so als würde er in die Hose urinieren.
Doch reißt der Wasserstrom nicht ab, die Werkstatt, in der er sich
von einem Gerät zum anderen hin und her bewegt, steht mehr und mehr
voller Wasserlachen, die die Geschichte seines Weges durch den Raum beschreiben.
Die Peinlichkeit und die Angstkonnotation, das Alptraumhafte der permanenten,
zwanghaften, unkontrollierten Körperentleerung wird nur durch die humoreske
Übersteigerung um- und abgewendet.
Bleibe zeigt die Rauminstallation Von den Lieblingskleidern,
die Frauen und Männer während der Arbeit getragen haben.
Ross Sinclair
"1994 habe ich mir die Worte "Real Life" in meine Rückenhaut
tätowieren lassen, und seitdem war mein Projekt eine verlängerte
Autopsie (...) des Paradigmas "Real Life" - von Innen nach Außen
verlaufend. Wo ist das Reale - für jeden von uns als Individuum und
das kollektive kollektive Gesellschaft? Diese Fragen habe ich auf unterschiedliche
Weise gestellt, dabei aber geläufige Ausdrucksformen gewählt...
Oft bin ich selbst für die Dauer von Ausstellungen ein Teil der live
Installationen. Immer mit dem Rücken zum Publikum stellt die "real
Life"-Tätowierung die Verbindung zwischen mit und den Zuschauern
her. Alle sind betroffen, alle werden angesprochen. die einzige Konstante
in meinem Projekt ist das Publikum: der Funke, der meine Arbeit entzündet.
Ohne das Publikum ist meine Arbeit nichts, existiert sie gar nicht. In diesem
Sinn ist sie das Gegenteil der Moderne. Das Publikum bringt von den Straßen
der Städte sein Leben, seine Hoffnungen, Ängste und Erfahrungen
mit - und genauso seine Vorurteile und seinen Bockmist - und spiegelt damit
den genauen Zeitgeist wieder." (Ross Sinclair, Kunstforum international
Bd. 143, S.96-97).
In Berlin wird Sinclair seinen I Love Real Life Market Stall
aufbauen.
Nele Stecher
Nele Stechers Bilder sind lebensgroße Porträtfotografien von
jungen Frauen, die in Leuchtkästen präsentiert werden. Die fotografierten
Frauen stehen offenbar hinter einer Glaswand, die sie mit ihren Händen
berühren, an denen sich ihre Fingerkuppen abdrücken. Doch reflektiert
das Glas nicht. So scheinen sie gegen die Plexiglasscheibe der Leuchtkästen
selbst zu greifen, als seien sie in das Bild von sich selbst eingepfercht.
Die Blicke der Frauen, die knallharte, weiße Neonbeleuchtung, der
weiße Hintergrund und der lapidare Griff an die Scheibe produzieren
eine suggestive, bedrohliche Stimmung, als sei das Festhalten eines gelebten
Augenblicks durch die Fotografie eine Zumutung, ein unmenschlicher, gewaltsamer
Akt.
Drei großformatige Leuchtkästen werden in Bleibe
zu sehen sein.
Beat Streuli
Streuli zeigt in großformatigen Diaprojektionen, Fotoabzügen
oder Videos Ausschnitte aus urbanen In-between-Situationen wie
er es selbst nennt. Er zeigt junge Menschen in einem Outfit, daß sie
überall auf der Welt an Flughäfen, an Bahnhöfen in Fußgängerzonen
haben könnten. Sie sind unterwegs, laufen aneinander vorbei, blicken
sich für den Bruchteil einer Sekunde an, telefonieren. Eine globale
junge Gesellschaft zeigt sich hier im Vorbeigehen. Die Motive sind stark
angeschnitten, betont ausschnitthaft dennoch sitzt alles kompositorisch
mit beeindruckender Präzision im Bild. Die Farben sind leuchtend, das
Licht hell und doch voller klarer Kontraste. Man wird von der Dynamik mitgerissen,
fühlt sich sogleich als Teil dieser Welt, die sich einem durch die
Ausschnitthaftigkeit und scheinbare Zufälligkeit des Blicks permanent
entzieht, weil alles in diesen Bildern eine Evidenz erhält.
Bleibe zeigt eine Wallpaper-Arbeit von 14 m Länge mit Kinderportraits.
Apolonija Sustersic
Sustersic ist gleichermaßen Architektin wie Bildhauerin. Ihre Arbeiten
versuchen die funktionale Neubestimmung von Räumen. Das Moderna
Museet Stockholm wird zu einem Ort für Lichttherapie; eine Ausstellungshalle,
die ursprünglich als Furchtmarkt fungierte, wird zu einer ganz in orange
gehaltenen Juice-Bar, in der nur Orangensaft ausgeschenkt wird und in der
Videoarbeiten laufen wie in einer italienischen Sportbar. Sustersic verknüpft
erfundene mit tatsächlichen Funktionen und beherrbergt funktionale
Zusammenhänge in Räumen, in denen man sie nicht erwartet. Dabei
geht sie auf vielschichtige Weise mit den Voraussetzungen ihrer Arbeit,
mit Erwartungen und Bedingungen um. Ihr gelingt es ohne großes Aufheben
gewohnten Tätigkeiten neue Bedeutungen zu verleihen, indem sie mit
unerwarteten anderen Funktionszusammenhängen verknüpft werden.
Die Künstlerin sollte im Innenhof der Akademie einen Pool und eine
Bar für die Besucher der Ausstellung anlegen und die Eingangs und Cafeteria-Situation
überarbeiten.
Sustersic wird eine mobile working-station für art in dialog
entwerfen, an der die beiden Kuratoren sowie als Gäste die Gruppe quartier
vier während der Ausstellungszeit arbeiten.
Jaan Toomik
Schon von weitem hört man die wunderbare Sopranstimme eines Knaben.
Sie ist Teil der Videoinstallation Father and Sonvon Jan Toomik.
Die Videoprojektion zeigt einen nackten Mann auf einem riesigen See Schlittschuhlaufen.
Er dreht weite Kreise entfernt sich von der Position der Kamera um viele
hundert Meter und kehrt wieder zurück. Die Sonne scheint auf den zugefrorenen
See, aber die Nacktheit des Schlittschuhläufers läßt einen
die eisige, stehende Kälte empfinden, die hier herrschen muß.
Der Bildraum ist wie leer geräumt. Nur am Horizont erkennt man, daß
es am Ende der weißen Fläche ein Ufer geben muß. Weite
und Leere aber auch eine ungeheure Freiheit der Bewegung sind die bestimmenden
Eindrücke. Die Stimme des Jungen, unterstützt die landschaftliche
Weite. Der Titel Father and Son läßt schon ahnen,
daß es die Stimme von Toomiks Sohn ist und der Künstler selbst
hier Schlittschuh läuft.
Toomik zeigt in Bleibe eben diese Installation.
Tilman Wendland / Ulrich Wendland
In studio Meisterschule entwarfen Tilman und Ulrich Wendland
das simulierte Atelier einer erfundenen Meisterschule. "Mit farbigen
Filzstiften sind Texte über die rohen Steinwände geschrieben,
die Studio-Einrichtung ist in einem Baukastenprinzip entworfen. Eine Box
die als Tisch dient faßt vier Stühle auf der einen,
und zwei Bänke auch als Sideboards anwendbar auf der
anderen Seite... Gesprächsnotizen aus Skizzenbüchern und Zitate
aus Interviews und Zeitungsberichten, persönliche Aufzeichnungen, historische
Daten, Arbeitsweisheiten und Alltagstheorien beschreiben die Idee der Meisterschule."
Die angeblichen Meisterschüler berichten von ihrem Direktor Alfred
Papst und seinen Arbeitsmethoden.
Nach dem Vorbild der studio Meisterschule werden Tilman
und Ulrich Wendland die Geschichte der Akademie der Künste (re-)konstruieren,
sich mit dem Ort, seiner Architektur und seinem Mobiliar auseinandersetzen
und es neu deuten.
Anja Wiese
"Sie müssen sich entscheiden!; haben Sie sich entschieden?; sie
können uns vertrauen!« Das Gesicht einer blonden jungen Frau
vor orangefarbenem Hintergrund blickt regungslos aus mehr als einem dutzend
auf dem Boden stehenden Monitoren zu uns auf, macht lange Pausen und spricht
dann wieder zu uns; dazwischen harte Schnitte und ein Sucherkreuz-Testbild
mit Pfeiffton. Die Videos sind unterschiedlich geschaltet, sprechen durcheinander,
bilden ein Stimmengewirr. Ich kann mich nicht entscheiden, wem ich zuhöre,
wer hier zu mir spricht, weswegen sie mich zu beschwichtigen sucht, der
suggestive Blick läßt mich auf der Suche bleiben.
Andrea Wolfensberger
Andrea Wolfensbergers Arbeit Blauer Mohn zeigt die unmerklich
langsame Kamerafahrt auf den Blütenstand eines blauen Mohns, der in
einer schweizerischen Berglandschaft wächst. Im Hintergrund erblickt
man schneebedeckte Gipfel. Je näher die Kamera an den sich im Wind
bewegenden Mohn heranfährt, desto mehr verschwindet die Landschaft.
Am Ende erblickt man den Gipfel nur noch durch die durchscheinenden Blütenblätter
hindurch. Alles geschieht in kontemplativer Langsamkeit, und wird durch
die feine Bildsprache zu einem poetischen Ereignis. Die stumme Gipsplatte
mit ihre perfekt polierten Oberfläche akzentuiert ein zugleich verschlossenes
wie weites Zeit- und Raumempfinden.
Aus dieser Werkgruppe wird in Bleibe die Arbeit Winterlandschaft
gezeigt. Eine Installation mit einem LCD-Monitor und einem Bewegungsmelder.