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Bleibe. Eine Rezension von Huberta E. de La Chevallerie

Ein nackter Schlittschuhläufer zieht weite Kreise über einen zugefrorenen Fjord, nähert sich, entfernt sich wieder, verschwindet im Nebel. Seinen unbeholfenen Lauf in der Kälte begleitet nur ein schlichter Choral, gesungen vom Sohn des Künstlers: Einfach, unspektakulär, schön – und bei längerem Hinsehen immer tragischer. In diesem Sinn war Jaan Toomiks große Videoprojektion »Father and Son« das Herzstück der Ausstellung »Bleibe«, die bis 20. August in der Berliner Akademie der Künste zu sehen war.

Wo steht junge Kunst heute? war die Frage, der sich die Ausstellungsmacher Jörg und Karen van den Berg stellen mußten. Im Rahmen des von der Akademie der Künste veranstalteten Festivals »Z 2000. Positionen junger Kunst und Kultur« suchte »Bleibe«, wie sechs weitere Ausstellungen und etwa hundert Theater-, Literatur- und Musikveranstaltungen, nach dem künstlerischen Standort der Generation um die 30 zu Beginn des neuen Jahrtausends. Der rege Zustrom bewies, daß hier Klärungsbedarf besteht; allein zu »Bleibe« kamen rund 10 000 Besucher. Sie wurden jedoch enttäuscht, wenn sie erwarteten, hier die wichtigsten Leute der Szene oder die neuesten Trends aufzuspüren; denn statt mit dem Lasso auf Ideenfang zu gehen, statt mit Trash, Sex and Crime provokant zu locken, konzentrierte sich »Bleibe« mit einer befremdlichen, aber wohltuenden Gelassenheit auf ein einziges Thema: Kunst im Spannungsfeld zwischen Flüchtigem und Bleibendem, zwischen Beschleunigung und Entschleunigung. 33 Künstler aus neun Ländern, neun Designer und ein Architektenteam entwarfen Erfahrungsräume für den Menschen in einer dynamisierten Welt.

Rund um den begrünten Dachgarten der Akademie herum, der mit Liegestühlen und Kaffee zum Bleiben einlud, gruppierten sich drei Hallen und ein Entrée und darin sehr unterschiedliche Erfahrungsformen des Bleiben und Nicht-Bleibens. In der ersten Halle etwa als Behausung. Das Leipziger Architektenteam »quartier vier« entwarf hier ein labyrinthisch-städtisches System, mit hermetischen Betonplattenfassaden, plötzlichen Öffnungen, engen Gassen und teils versteckten Eingängen zu den »Häusern«, in denen die Künstler ihre Arbeiten zeigten. Das verschaffte auch so bekannten Namen wie Richard Billingham und Douglas Gordon selbstverständliche Intimität. Schicksalhaftes, Isoliertes, Bedrängtes im Innern: Von Klaus Kehrwalds psychodelisch-magischen Bildern des Wohnzimmerhorrors über Nele Stechers in der Fotografie wie gefangenen Frauen bis hin zum Therapiezimmer von Muda Mathis wurde »Bleiben« immer mehr zur Zumutung zwanghafter Dauer. Umso verdächtiger draußen, zwischen den Gebäuden, die eindringlichen Worte der multiplen »Empfangsdame« Anja Wiese, von 18 über den Boden verteilten Monitoren in den Raum gesendet: »Sie können sich auf uns verlassen« oder »Sie sollten sich damit nicht belasten – überlassen Sie das uns«. Einzelschicksale, bedroht, gefährdet, bewahrt – gesammelte Geschichte, wie in der Arbeit »Small Objects That Save Lives« von Christine Borland oder gesammelte Lumpen und Bilder des Vagabunden David Hardy gehören zu den Stoffen, aus denen sich das undurchsichtige Ökosystem Stadt zusammenmischt.

Ganz anders die Bleibe von Halle Zwei: 1000 qm. Nahezu leer. Die Sheddach-Halle der Akademie präsentierte die kontemplative und befreiende Seite des Bleibens. Neben Judith Samens Pilgerhütte mit dem Bild einer um die Schultern entblößten, verklärten Alten darin und den zum Liegen einladenden Sitzkissen-Basswoovern mit Herz-Beat von Jan Peter Sonntag ging es hier vor allem um Landschaftsartiges: Die für den Preis der Nationalgalerie nominierte Malerin Katharina Grosse ließ mit einer fulminanten Sprayarbeit den Raum erglühen.

Gegenläufig dazu der schon erwähnte, frostig-poetische Schlittschuhläufer von Jaan Toomiks. Eine seltsam künstliche, üppig wuchernde und plätschernde »Natur« [»Jungbrunnen« von Jörg Lenzlinger und Gerda Steiner] konnte von einer breiten Schaukel aus genossen werden. Stiller kam die verschlossene Malerei des Schotten Andrew Mc Niven daher, und ebenso das Feld aus Farbschlüsseln von Uta Hagen, das in seiner strengen, schlichten Ordnung an Zen-Gärten erinnerte.

Bleiben, verstanden als konzentrierte Reduktion auf das Wesentliche.

Daß eine solche Reduktion, auch im sorgfältigen Umgang mit Details mehr zählt als der rasche Griff zum Effekt, machte wohl das Eigenwillige und Ungewohnte der Ausstellung aus. Eine Ökonomie des Notwendigen, die streng beim Thema blieb und eben dadurch die unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Künstler und Arbeiten zu einem stimmigen Gesamtbild verknüpfen konnte.

Und doch wäre diese konzeptuelle Strenge nur eine halbe Sache gewesen ohne die andere Seite, die offene Kommunikation. Der Einladung zum Verweilen im Gespräch galt vor allem die dritte Halle nebst Entrée, die auch als Veranstaltungsort für das gesamte Festival diente. Hier konnte man die Kuratoren täglich in ihrem von Apolonija Sustersic entworfenen »Guest Curators Office« bei der Arbeit antreffen und sprechen, konnte in einem kleinen Archiv zu den Künstlern blättern oder auf der »WandelBar« lümmeln; man konnte unter zwanzig heiratswilligen Lettinen mit Farbfoto, Telefonnummer und E-mail-Adresse wählen [»Riga Dating Agency« von Gints Gabrans/Monika Ines Pormale], eine Arbeit, die gerade im Grellen geheimen Sehnsüchten Sprache verleiht. Leichtfüssige Arbeiten und großformatige Designermöbel, die Akteuren und Publikum eine Bühne und Raum für Kontakte bieten können, bevölkerten dieses »Spielzimmer der Ausstellung«.

Die für eine Kunstausstellung dieser Größe erstaunliche Heiterkeit hatte aber auch einen bös-grotesken Unterton: Der zweite Nackte der Ausstellung, Peter Land, tanzte, in Großprojektion, innig mit einem Cello Schwanensee. Hier fiel ein hartes Schlaglicht auf den Künstler als tragik-komischen, sich ständig selbst reproduzierenden Entertainer. Weil »Bleibe« auch solche Töne beimischte, konnte die ansonsten so beschwingte, konsequent benutzerorientierte Ausstellung die Klippen der Kuschelkunst und der anbiedernden Animation umschiffen.

Und da sie darauf verzichtete, im Spiel der Kunst-Szenen und -Märkte Position zu beziehen, fehlte angenehmerweise der schmallippige moralische Appell wider den Mainstream, wie auch der neoliberalistische Hype, dem Beschleunigung, Medien und vernetzte Kommunikation zur neuen Religion geworden sind. Statt dieser beliebten Polarisierung brachte die Ausstellung widersprüchliche Werke in einem komplexen kunstökologischen System zusammen, in dem Gegensätze sich wechselseitig zu bedingen, ja hervorzurufen schienen. Das Gleichgewicht, das sich hier immer wieder einstellte, macht Hoffnung, daß die Dynamisierung und Beschleunigung des heutigen Lebens nicht nur im Eiltempo auf seelische Verelendung zusteuert, sondern durch eine »Bleibe« in sozialen, ökologischen und künstlerischen Netzen in Balance gehalten wird. Der Lauf des einsamen Schlittschuhläufers, der hier seine Kreise zog, zum Spaß oder vielleicht doch um sein Leben, mag dem Zeitgenossen noch länger nachgehen: Bewegung zwischen Balance und Beschleunigung, Gedanken zwischen Heiterkeit und Blick in den Abgrund.