Katalogtext
Z 2000 »Bleibe«
I
»Bleibe« inszeniert künstlerische Projekte und Arbeiten,
die ein Spannungsfeld zwischen Flüchtigem und Bleibendem, zwischen Beschleunigung
und Entschleunigung eröffnen. Künstler, Designer und Architekten
entwerfen Bilder und Erfahrungsräume, welche die Bestimmung unseres Ortes
in einer dynamisierten Welt erforschen. Ihre Arbeiten konstruieren ein komplex
vernetztes Möglichkeitsfeld für Wahrnehmung und Kommunikation.
Ein breites Spektrum künstlerischer Produktion zwischen Tafelbild und
Dienstleistungsangebot erzeugt ganz verschieden definierte Räume: Man
kann hier sehen, hören, liegen, relaxen, lesen, diskutieren, essen und
trinken - Tätigkeiten und Handlungsformen, die vielleicht jedes Museum
heute ermöglichen könnte. Anders aber als in der tradierten musealen
Trennung von Ausstellungsraum, Bibliothek, Verwaltung, Cafeteria und Shop
verschmelzen diese Funktionen in dem Projekt »Bleibe« zu einem
inhaltlich wie formal zusammenhängenden Handlungsraum.
Möbel und andere Design-Objekte werden Teil des Projekts, haben mit Themen
wie Flexibilität, Variabilität und Wiederverwertung zu tun, aber
auch mit Ruhe und Konzentration. Insofern stehen sie in einem direkten inhaltlichen
Zusammenhang mit den künstlerischen Arbeiten.
Die Architektur entwirft unterschiedlich charakterisierte Zonen, die ein Bezugsfeld
für die Kunst ausbilden und zugleich auf die Werke der Künstler
reagieren. Hierdurch bewegen sich Besucher nicht als schweigende Flaneure
zwischen beaufsichtigten Exponaten, vielmehr entsteht ein Ort, an dem man
sich als Gast, Benutzer oder Bewohner auf Zeit empfinden kann.
Darüber hinaus gehört es zum Konzept, dass die für »Bleibe«
verantwortlichen Kuratoren unter dem Label »art in dialog« in
den Räumen ein offenes Büro einrichten und so jederzeit zu einem
informellen Diskurs einladen.
II
Die zunehmende Flexibilisierung und Dynamisierung von Lebensstrukturen stellt
die Frage nach den Koordinaten unserer Orientierung neu. Beschleunigung hat
Konjunktur. Genauso aber entwickelt sich die Rückseite: die Entschleunigung.
Dem Gefühl von hipper Leichtigkeit und geschäftig surfender Ortlosigkeit,
die als Zeitgeistphänomen gesehen werden können, stellt sich die
Schwere des Körpers entgegen, die Realität von Müll, die Zwanghaftigkeit
des Ortes. Neue Entwürfe von dem, was ein Zuhause ersetzen könnte,
entstehen. Kommunikationsmedien und High-Tech konstruieren und destruieren
eine Bleibe und Bleibendes. »Wir müssen neue Institutionen erfinden,
die Dauerhaftigkeit ins Leben der Menschen bringen«, fordert der amerikanische
Soziologe Richard Sennett.
In der gegenwärtigen Kunst sind Geschwindigkeit, Dauer und Vergänglichkeit
wichtige Themen. Sich-Verirren, Simultaneität erfahren, Langsamkeit aushalten,
Bleiben wollen das sind Erfahrungen, die in vielen Werken eine entscheidende
Rolle spielen. Junge Künstler antworten auf die Entwicklungen allerdings
weniger apodiktisch als Richard Sennett. Sie forschen vielmehr nach der eigenen
Herkunft, nach dem Verhältnis vom Hier zum Woanders, nach dem Ort des
eigenen Bewußtseins, begeben sich auf die Suche nach dem wirklichen
Leben oder nach der Möglichkeit, sich selbst zu entgehen, überprüfen
die zumutbare Dauer und Intensität von Handlungen, versuchen die Wirklichkeit
als Dokument oder durch Labeling zu konstruieren. Auch Navigation in globalen
Kontexten und die Recherche lokaler Zusammenhänge spielen dabei eine
wichtige Rolle.
III
Während die raumbezogenen Environments der 80er Jahre eher den physischen
Raum untersuchten und in ihn eingriffen, ist es in der kontextbezogenen Kunst
der letzten Jahre eher der soziale Raum, der bearbeitet wird. Oftmals wird
die Vergewisserung darüber, in welchem Zusammenhang man als Künstler
arbeitet, selbst zum Gegenstand der Kunst. So entsteht seit einigen Jahren
eine Kunst ökologischer Orientierung.
Parallel dazu hat sich das Verhältnis zwischen künstlerischer Produktion
und Alltagspraxis stark gewandelt. Künstler agieren als Sozialingenieure
und Gastgeber. Wenn Ross Sinclair sich den Schriftzug »Real Life«
in seine Rückenhaut eintätowiert, um mit dem nackten Rücken
zum Publikum in 24-Stunden-Performances aufzutreten oder wenn Mark Formanek
mit einem selbsternannten »Einsatzwagen« durch eine Stadt fährt,
um per Megaphon Menschen zu trösten, die den zuvor in Tageszeitungen
annoncierten »Tröster« anforderten, oder wenn Martin Eder
und Lisa Junghanß unter dem Label »Novaphorm™«
während der documenta X ein zugleich virtuelles wie reales Hotel betreiben,
dann ist ihre Kunst kein »als ob«. Wenn Apolonija Sustersic im
»Moderna Museet Stockholm« einen Raum für »Lichttherapie«
einrichtet, in dem sich Patienten einer realen Therapie unterziehen, dann
wird Kunst zum Realfall von Leben. Allein das Beibehalten von Referenzen auf
einen aktuellen Diskurs innerhalb des Betriebsystems Kunst und das Auftreten
innerhalb von kunstinstitutionellen Kontexten sowie die zentrale Bedeutung
formaler Kategorien lassen uns diese Arbeiten als künstlerische Produktion
rezipieren.
Im Zuge dieser Entwicklungen hat sich auch das Selbstverständnis der
Künstler stark gewandelt. Künstler der jüngeren Generation
- auch wenn sie wie Katharina Grosse, Antje Majewski, Klaus Kehrwald, Ueli
Michel [†] oder Franz Ackermann scheinbar traditionell als Maler arbeiten,
verstehen sich nicht mehr als stellvertretende Subjekte auf der Suche nach
»universellen Werten«. Im »postheroischen« Zeitalter
globaler Vernetzung sehen sie sich vielmehr als Produzenten unter vielen.
Die Vorstellungen vom eminenten Kunstwerk, seinem genialischen Schöpfer
und vom Künstler als »exemplarischem Subjekt« hat sich in
einer offenen Inszenierung von Werken, Gesprächen, sozialen Aktionen
und Diskursen aufgelöst. Dies zumal die Werke den Betrachter immer mehr
als »Teilnehmer« und Komplizen fordern.
Der Anspruch, den die Künstler an sich, die eigenen Arbeiten und an den
Rezipienten stellen, ist damit nicht geringer geworden. Schon wurde von einem
Paradigmenwechsel von der autonomen zur kommunikativen Kunst gesprochen -
wenngleich die Idee des autonomen Kunstwerks ohnehin ein problematischer Mythos
ist. Den kommunikativen Aspekt aber zu verabsolutieren, wäre zu kurz
gegriffen, denn die heutige Kunst eröffnet ein sehr weites Spektrum unterschiedlichster
Rezeptions- und Handlungsangebote. Auch »Bleibe« beschränkt
sich ganz und gar nicht auf interaktive und kommunikative Arbeiten. So geht
es u.a. bei den Arbeiten von Andrea Wolfensberger und Andrew McNiven gerade
um die Unmöglichkeit von Teilhabe durch Teilhabe.
In dieser Vielfalt der Rezeptionsanforderungen gründet zugleich die Problematik
einer heutigen Inszenierung von Kunst: der Besucher kann sich nicht mehr auf
bekannte Handlungsmuster verlassen. Museale Noli-me-tangere-Präsentationen
und interaktiv ausgelegte settings stehen gleichrangig nebeneinander und verlangen
vom Besucher ein erhebliches Unterscheidungsvermögen.
»Bleibe« will diese Ausdifferenzierung fruchtbar machen, denn
gerade sie ermöglicht es andererseits, einen lebendigen Erfahrungsraum
zu erzeugen, in dem die Besucher ganz unterschiedliche Angebote wahrnehmen
können. Für die Hallen, das Atrium und den Treppenraum wurden deshalb
verschiedenartige architektonische Strukturen entwickelt .
IV
»Bleibe« ist der Versuch, einen öffentlichen musealen Raum
bewohnbar zu machen, ihm eine Vielfalt von Lebensaspekten einzuschreiben.
Das Gebäude der Akademie der Künste ermöglicht dies in besonderem
Maße, denn es ist in einem Geist entstanden, der die Künste als
Teil eines offenen und kommunikativen Lebens etablieren wollte. In diesem
Raum sollen sich Menschen treffen, um Musik, Theater, Literatur und bildende
Künste zu erleben und sich mit ihren Inhalten auseinanderzusetzen. Die
spröde Sprache dieser Architektur verweigert dabei geradezu alle gesellschaftlichen
Repräsentationsabsichten, die an vielen anderen Stellen an vergleichbare
Institutionen gekoppelt sind. Die Künste werden hier nicht in einem hehren
Tempel inszeniert, sondern stellen sich im Rahmen einer eher lapidaren Begegnungsstätte
der Öffentlichkeit.
In diesem räumlichen Kontext richtet sich »Bleibe« als ein
Imperativ an den Besucher. »Bleibe!« ist eine Aufforderung zum
Verweilen, eine Aufforderung einen Ort, eine Situation, einen sozialen Zusammenhang
nicht zu verlassen.
Diese Aufforderung setzt Gesellschaft, sogar Gemeinschaft voraus - wie temporär
und personal begrenzt auch immer sie sein mögen. Und sie setzt die Differenz
von Interessen voraus: Der eine erwägt zu gehen, der andere will, dass
er bleibt.
Bleibe bedeutet zugleich »Unterkunft« und »Obdach«.
Die Bleibe kann ein Schlafplatz sein, ein bescheidenes Zimmer, eine Hütte,
ein Haus. Die Bleibe ist das, wohin man zurückkehrt, um zu ruhen und
neue Kräfte zu sammeln. Man differenziert zwischen einer dauerhaften
und einer vorübergehenden Bleibe. Denn die Bleibe garantiert noch kein
Zuhause. Daran, dass sie zum Zuhause wird, muss erst gearbeitet werden. Wenn
von einer Bleibe die Rede ist, weist dies darauf hin, dass sie in der Fremde
allererst gefunden werden musste.
»Die Kunst von heute braucht kein Haus«, vielleicht aber eine
vorübergehende Bleibe.
Karen & Jörg van den Berg