Tilo
Schulz artist in dialog SS 03
Obwohl die Notwendigkeit der "Teilhabe" wie der "Komplizenschaft"
des Betrachters zum Topos gegenwärtiger Kunsttheorie geworden ist, hat
dennoch kaum ein Künstler die Vermittlung künstlerischer Praktiken
anderer zum zentralen Aspekt seiner Arbeit gemacht. Hier ist der 1972 geborene
Leipziger Tilo Schulz eine wirkliche Ausnahme. Er hat aus den Postulaten der
90er Jahre vom Ende des Geniekults und vom Ende der Differenzierung zwischen
High and Low Culture äußerst überzeugende Konsequenzen gezogen,
indem er die Vermittlung der Kunst anderer Künstler zu seinem künstlerischen
Projekt gemacht hat. Das ist für einen Künstler ein wirklich sympathischer
und in der Tat wenig egomanischer Ansatz.
Tilo Schulz schreckt dabei nicht davor zurück, die klassischen Mittel
der Reklame einzusetzen. So bestand sein Beitrag zu der viel beachteten Eröffnungsausstellung
"Ontom" in der Galerie für Zeitgenössische Kunst darin,
Flyer und Polo-Shirts zu entwickeln, auf denen die übrigen beteiligten
Künstler ein Statement zu ihrer Arbeit publizieren konnten. Zahlreiche
internationale Ausstellungsbeteiligungen von Tilo Schulz bestanden aus Plakataktionen
und der Entwicklung von sogenannten "Displays" für Veranstaltungen
anderer oder aus der Inszenierung künstlerischer Projekte von anderen
Künstlern. Auch das Remake, die Reproduktion und die textliche Kommentierung
gehören zu seinem Geschäft. Seine Arbeit geht zuallererst von einem
Vermittlungsanliegen aus, ein Ansatz, der vielleicht für einen Künstler,
der Anfang der 90er Jahre mit seiner Arbeit in Ost-Deutschland startete, auch
naheliegend sein mag. Hierbei war es vielleicht von Vorteil, dass Tilo Schulz
keine Akademie besuchte, sondern sich der Kunst als Autodidakt näherte.
Schulz begann damals mit einer an der amerikanischen Minimal Art orientierten
"Formenmalerei" (wie er es nannte), die er selbst in Texten kommentierte
und im öffentlichen Raum inszenierte. Mitte der neunziger Jahre kuratierte
er schließlich eine Ausstellung und organisierte ein Kolloquium unter
dem Titel "Malerei und Spezifisches Objekt", zu der er vier Künstler
und neun Theoretiker einlud wie auch eine Publikation herausgab und gestaltete.
Seither entwickelte er eine Reihe von Publikationen, Räumen und Situationen,
die als "Display" die Arbeiten und Konzepte anderer Künstler
vorstellen oder Projekte von Kulturproduzenten aller Couleurs präsentieren.
Der Reiz von Tilo Schulz Arbeit liegt aber nicht zuerst im Konzeptuellen,
sondern vielmehr darin, wie das Konzeptuelle gelingt, wie er durch die formale
Ausformung seiner Texte, Flyer, Werbeaktionen, Möbel, Displays, Headlines
und Kommunikationsangebote eine ganz spezifische Aufmerksamkeit auf die sozialen
Möglichkeiten einer Form zu generieren vermag. Der verlockende Perfektionismus
der Formen animiert zu Benutzung. Schluz versteht Malerei nicht als Medium,
sie ist in seinen Augen eine soziale Haltung.
project at uni-wh
Tilo Schulz hat für die Halle der Universität einen Arbeit mit dem
Titel "body of work: the ideal exhibition. category: advertising
entwickelt; eine Arbeit mit der er Werke anderer Künstler präsentiert,
die Werkung als künstlerische Praxis betreiben. Diese Arbeit gehört
zu einer Werkgruppe, in der er eine themen- bzw. gattungsorientierte Auswahl
von Werken anderer Künstler zeigt, die modellhaft die Möglichkeiten
dieser Kategorie künstlerischer Arbeiten erfahrbar machen.
Dieser Werkgruppe wird Tilo Schulz mit seiner Arbeit für die Universität
Witten/Herdecke eine weitere Kategorie hinzufügen: die Kategorie "advertising".
Zum Expertenteam, das eine Auswahl von künsterlischen Arbeiten treffen
soll, in welchen sich Werbung als künstlerische Praxis erweist, hat er
neben dem Kunstwissenschaftler und Kurator Vincent Pécoil auch Franz
Liebl bestellt. Im Ergebnis soll eine Auswahl von etwa 30 Arbeiten anderer
Künstler zustande kommen. Diese wird in Form von Reproduktionen auf einem
konventionellen Werbeträger nämlich auf den Tabletts der
Cafeteria wieder zu finden sein. Darüber hinaus werden unterschiedliche
Maßnahmen getroffen werden, die auf das Thema aufmerksam machen. Eine
Maßnahme besteht in einer großen Wandmalerei mit dem Schriftzug
"advertising"
Am 15. Mai um 18.30h wird Tilo Schulz diese große Arbeit für die
Campus-Halle der Universität vorstellen. Die Arbeit umfasst eine über
20m lange Wandmalerei und eine Serie von bedruckten Tabletts in der Cafeteria.
Zur Eröffnung spricht Professor Franz Liebl vom hiesigen Aral Stiftungslehrstuhl
für Strategisches Marketingeinen zum Thema: The Unmanageable Consumer.
Indiviualisierung als Grundproblem. location: Große Halle + großer
Hörsaal, Campus der Universität Witten/Herdecke, Alfred-Herrhausen-Straße
50, D-58448 Witten. Ab 21:00 Uhr laden Gunilla Klingberg und Peter Geschwind
(S) mit einer Video-Projektion in den unikat(club) im Hbf Witten ein.
texts/essay